“Geschichtenerzählen befasst sich mit einer weiteren Selbstverständlichkeit: dass es Zeit gibt und dass wir unser Leben als Zeit erleben. Geschichtenerzählen ist Umgehen mit der Zeit, und dass wir unser Leben als Zeit erleben, hat damit zu tun, dass unser Leben endlich ist und auch damit, dass das Leben unserer Freunde endlich ist.
Natürlich ist die Angst vor dieser Endlichkeit überwindbar; Religion und Philosophie bieten die Werkzeuge dazu an. Was bleibt, ist die Traurigkeit über die Endlichkeit. Traurigkeit ist nicht überwindbar. Sie kann abgelehnt werden oder angenommen, und Geschichtenerzählen hat etwas damit zu tun, Trauer anzunehmen.
Die selbstverständliche Traurigkeit der Menschen macht sie zu Geschichtenerzählern. Ohne Zeitbegriff gäbe es keine Geschichten. Wer keine Neigung zur Traurigkeit hat, der ist für die Literatur verloren. Vielleicht taugt er noch einigermaßen zum Schreiben, zum Leser taugt er ganz sicher nicht. Die Welt der Literatur ist die Welt der Sentimentalen.”
aus: Peter Bichsel. Der Leser, das Erzählen.
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